Das Windows Insider Programm kann dann auch weg

Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter. Mit diesem platten Witz lässt sich perfekt ausdrücken, wie sich die Qualitätskontrolle bei Windows 10 entwickelt. Im Frühjahr verhinderte ein übersehener Fehler den geplanten Start des April Update, das Oktober Update wurde sogar mit bekannten Fehlern auf die Straße geschickt. Ein ebenfalls bekannter, aber ignorierter Fehler hat nun sogar dazu geführt, dass der Rollout gestoppt werden musste. Es ist offensichtlich: Das Windows Insider Programm funktioniert nicht und kann daher weg.

Eine echte interne Qualitätskontrolle gibt es bei Windows 10 ohnehin nicht mehr, das wurde mehr oder weniger vollständig ins Insider-Programm ausgelagert. In Zukunft wird sich das noch verstärken, denn nach dem Release des Oktober Update wird das Windows-Team einmal mehr verkleinert. Wer in seinem persönlichen Arbeitsumfeld schon mal erlebt hat, wie sich Bereiche verkleinern, der weiß auch: Es sind nicht die schlechten Mitarbeiter, die zuerst woanders unterkommen.

Aufgabe der Mitarbeiter im Insider-Team wäre es also, sorgfältig die Telemetrie auszuwerten und Fehlerberichte aus dem Feedback Hub aufzugreifen. Letzterer ist aber zu einer Spielwiese für Fanboys verkommen, zwischen tausenden Vorschlägen zu irgendwelchen Spielereien wie Fluent Design und Dark Mode gehen die echten Fehlermeldungen unter.

Das Problem der verschwundenen Dateien, welches Microsoft dazu zwang, beim Oktober Update die Notbremse zu ziehen, war seit Monaten bekannt. Im Feedback Hub existieren dutzende Meldungen von Insidern (einige Links findet ihr hier), die das nun aufgetretene Problem exakt beschreiben. Diese Meldungen wurden entweder ignoriert oder gleich komplett übersehen. Vielleicht wird sich am Ende herausstellen, dass die Betroffenen eine besondere Konfiguration hatten – es geht an dieser Stelle aber gar nicht um die Frage, ob Microsoft Schuld an diesem Fehler trägt. Fest steht auf jeden Fall: Das Problem hätte bemerkt und damit vermieden werden können.

Ich habe ganz ehrlich gesagt meine Zweifel, ob die derzeit handelnden Personen im Insider Programm überhaupt die richtigen sind. Seit dem Weggang von Gabe Aul verkommt das Programm mehr und mehr zu einer albernen Party rund um Ninja-Cats und Taco-Hats. Wenn die Akteure bei den Webcasts gackernd und kreischend wie ADHS-Kids nach dem neunten Schokoriegel vor der Kamera agieren, dann ist das wirklich zum Fremdschämen. Dass sie das dürfen, ohne intern zurückgepfiffen zu werden, sagt uns leider auch ziemlich viel über den Status von Windows. Die Leute haben Narrenfreiheit. Es passt bestens ins Bild, dass man das Insider-Team beim Umbau der Windows-Organisation im Frühjahr zunächst zu Scott Guthrie verlagerte, der künftig die Verantwortung für die technische Entwicklung von Windows trägt, es kurz darauf aber von diesem zu Joe Belfiore „abgeschoben“ wurde. Dort ist das Team in der Tat besser aufgehoben, aber das signalisiert eben, dass man vom Insider Programm nicht unbedingt einen technischen Beitrag erwartet.

Das Oktober Update wurde veröffentlicht, ohne vorher im Release Preview Ring getestet worden zu sein. Ich bin sicher, dass dies keinen Unterschied gemacht hätte, man hätte das Problem auch dort nicht identifiziert, aber dieser Umstand zeigt auf, dass es im Insider Programm keine echte Struktur mehr gibt. Es besteht mehr oder minder nur noch aus Fast Ring und Skip Ahead.

Ich habe eine düstere Vorahnung, wie es weiter geht. Das Insider Programm ist, was die Zahl der Teilnehmer angeht, viel zu klein, um sporadisch auftretende Fehler zu erkennen – weniger als ein Prozent aller Windows 10 Nutzer sind Insider. Ich fürchte daher, der neue Release Preview Ring heißt künftig Windows 10 Home. Mit dem neuen Supportmodell von Windows 10 hat Microsoft den Unternehmenskunden ja bereits ganz deutlich mitgeteilt, dass sie in Zukunft nur noch maximal ein Feature-Update pro Jahr einsetzen sollen. Man wird die Updates also erstmal über die Home-User auskippen und sie dort in Ruhe reifen lassen. Das Insider Programm in seiner bisherigen Form braucht dann niemand mehr.

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