Kommentar: Microsoft und Chromium: Alles gut!…. oder?

In den frühen Morgenstunden sorgte ein Bericht der Kollegen von Windows Central für einiges Aufsehen. Microsoft möchte sich angeblich im kommenden Jahr von seiner Engine EdgeHTML verabschieden und künftig auch auf Chromium aufbauen, so wie es schon zahlreiche andere Browser wie Chrome, Opera oder Vivaldi machen. Erneut scheint es so, als ob man in Redmond wieder viel zu früh das eigene Handtuch in den Ring wirft und sich der übermächtigen Konkurrenz beugt. Die Frage ist: Wenn es so käme, wäre es tatsächlich eine erneute Niederlage oder doch nur eine logische Konsequenz?

Tatsache ist vor allem Eines: Microsoft braucht Chromium. Zwingend. Und das aus mehreren Gründen. Einer besteht natürlich darin, dass mit dem Electron-Framework ein ganz wesentlicher Faktor in der heutigen Welt der Anwendungsentwicklung durch die Übernahme von GitHub mittlerweile Teil der erweiterten Unternehmensfamilie ist und man in Redmond gut daran täte, sich aktiv an der Entwicklung bei Node.js und Chromium zu beteiligen. Noch wichtiger ist allerdings, dass auch eine ganze Reihe der eigenen Anwendungen von Microsoft und seinen Töchtern auf Chromium in der einen oder anderen Weise aufbaut. Dabei handelt es sich auch um keine kleinen Fische, sondern wir reden hier von Projekten wie Visual Studio Code, Skype, Microsoft Teams, Azure Data Studio, Atom oder GitHub Desktop, die jeder für sich eine größere Relevanz haben.

Mit Blick auf Edge muss man das alles etwas anders sehen. Das Problem des Browsers war eigentlich nie die Shell, die von Update zu Update eigentlich immer besser wurde und Edge im Wesentlichen zu einem recht guten Browser macht, der besser ist als sein Ruf. Das hatte ich auch in früheren Beiträgen schon geschrieben, wo ich auch erwähnte, wie mir Edge ansonsten im digitalen Alltag hilft. Problematisch war hingegen immer wieder seine Rendering-Engine. EdgeHTML war in der Zeit der Rapid Releases, wo Google und Mozilla ihre Engines immer spätestens alle zwei Monate erweitern und die Derivate anderer Entwickler in der Regel mitziehen, viel zu tief im System verankert und das Tempo in der Entwicklung entsprechend viel zu langsam. Gleichzeitig ist EdgeHTML im Grunde eine Insellösung, die nur auf Windows 10 existiert, im Gegensatz zu WebKit keine offene Basis hat und aufgrund geringer Marktanteile für Webentwickler sowie nicht besonders interessant war.

Grundsätzlich könnte es für Microsoft in Zukunft auch einfacher werden, für seinen Browser bestimmte Implementierungen vorzunehmen. Verbesserungen und Erweiterungen für die Progressive Web Apps könnten schneller kommen, die Webkompatibilität wird deutlich verbessert, der Zugriff auf wichtige Erweiterungen, von denen Microsoft speziell für Chrome auch viele entwickelt hat, deutlich vereinfacht. Im Grunde klingt das also alles recht vielversprechend. Muss man sich dann noch Gedanken machen?

Genau an dieser Stelle findet man dann die großen Fragezeichen, die Microsoft dann selbst noch eindeutig beantworten müsste. Das größte Problem: Im Gegensatz zu Gecko von Mozilla ist Chromium zumindest in freier Wildbahn nicht auf eine LTS-Variante ausgelegt. Das bedeutet automatisch, dass Microsoft die Engine künftig mehr oder minder zwingend von Windows entkoppeln müsste, um Schritt zu halten. Natürlich gibt es Browser, die auf länger unterstützten Varianten wie der QtWebEngine (z.B. Falkon, Qutebrowser) oder sogar Electron (z.B. Brave, Beaker) aufsetzen oder – wie Vivaldi – Patches öfter einfach zurückportieren. Allerdings ist eben das Rückportieren von Patches nicht immer unproblematisch und die meisten der besagten Browser haben gleichzeitig einen hoffnungslos veralteten Unterbau. Selbst Brave, der als so ziemlich Einziger eine aktuelle Chromium-Version im Zusammenspiel mit Electron einsetzte, hat mittlerweile kapituliert und ist von GitHubs Framework auf eine klassische Chromium-Shell ausgewichen.

Unterm Strich würde eine intensivere Nutzung und Unterstützung von Chromium durch Microsoft in Teilen also absolut Sinn machen. Dennoch hätte ich mir in der Browserfrage eher gewünscht, dass man sich dann in Redmond mit Mozilla zusammentun und EdgeHTML durch Gecko ersetzen würde. Einerseits ist Gecko besser auf die LTS-Anforderungen ausgelegt, andererseits braucht es in Zeiten, wo Chromium und Blink immer präsenter und mächtiger werden, weiterhin ein starkes Gegengewicht. Das kann einzig und allein Mozilla noch liefern. Ob Microsoft mit Blink unter der Haube dann langfristig auch die Anforderungen seiner Enterprise-Kunden abdecken kann, wird die Zeit zeigen müssen.

 

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